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Ein Auszug aus:
H. Pühl "Team-Supervision: Von der Subversion zur Institutionsanalyse" Vandenhoeck & Ruprecht 1998
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Barfußsupervisoren auf dem Weg in die Institution
"Wilde" oder "professionelle" Supervision?
Grenzüberwindung kollektiven Lernens
Barfußsupervisoren suchen ihr eigenes Dach
Das allgegenwärtige Dreieck
Groddek: "Die Drei"
Dreiecksgeschichten nehmen irgendwo ihren Anfang
Supervision im Dreieck
Grenzen der Ödipustheorie Supervision im Dreieck


Barfußsupervisoren auf dem Weg in die Institution

Vor 25 Jahren gab es nur wenige Ausbildungsmöglichkeiten für Supervisoren. Man wurde zumeist dadurch zum Supervisor, weil man aufgrund seines spezifischen Fachwissens angefragt wurde. So supervidierte man zumeist nur wenige Stunden in der Woche Einzelne oder Teams und ging während der anderen Zeit seiner normalen Arbeit als Sozialarbeiter oder Psychotherapeut nach. Das hat sich heute bekannterweise geändert: Es gibt standardisierte Supervisionsausbildungen und sogar entsprechende Studiengänge. Erstmals gibt es eine wachsende Zahl hauptberuflich tätiger Supervisoren. Im folgenden werde ich meinen beruflichen Weg nachzeichnen von einem der auszog Supervisor zu werden: zuerst als Sozialarbeiter mit Berufserfahrung und eigener Supervisionserfahrung, dann mit einer selbst organisierten Ausbildung und letztlich als Mitbegründer eines Supervisionsinstituts und anerkanntem Ausbilder eines Fachverbandes.
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"Wilde" oder "professionelle" Supervision?

Ich bin ein wilder Analytiker". Mit diesen Worten eröffnete Georg Groddeck 1920 seinen Vortrag auf dem psychoanalytischen Kongreß in Den Haag. Was meinte er damit? Groddeck war Arzt und versuchte, organische Krankheiten psychoanalytisch zu verstehen und entsprechend zu behandeln. 1921 erschien von ihm sein erstes grundlegendes Buch "Der Seelensucher" im Internationalen Psychoanalytischen Verlag. Groddeck wurde zu einem Wegbereiter der psychosomatischen Medizin. Freud übernahm 1921 von ihm sogar den Begriff des "Es". Ein Novum bleibt Groddeck, da ihm als Psychoanalytiker weite - wenn auch geteilte - Aufmerksamkeit zuteil wurde, ohne daß er selbst jemals eine entsprechende Ausbildung noch eine eigene Analyse machte. So war er eben ein "wilder Analytiker" und als solcher auch von Urvater Freud anerkannt. In einem Brief an Groddeck (1979, S. 137) schrieb er bereits 1917: "Wenn Sie begriffen haben, was Übertragung und Widerstand sind, können Sie ruhig an die psychoanalytische Behandlung Kranker herangehen.

"Nun, was will ich damit für die verantwortungsbewußte Ausübung von Supervision sagen? Man braucht bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten sowie ein ausreichendes Maß an Neugierde und Wissensdrang, um als professioneller Experte tätig sein zu können, ohne unbedingt eine formale Ausbildung zu haben. Ich habe das Beispiel Groddeck sicherlich nicht zufällig ausgewählt. Es ist mir sympathisch. Sympathisch, weil es auch meinen eigenen Weg zur Supervision beschreiben könnte, sympathisch, weil Raum für Experimentelles und neugieriges Ausprobieren bleibt, ohne deswegen in Scharlatanerie abzugleiten. (Ähnliches ließe sich von Michael Balint, dem Begründer der später nach ihm benannten Balintgruppen, sagen.) Mein eigener Weg vom 'wilden' zum 'professionellen' Supervisor mag für den Leser interessant sein und wird den Tenor meiner Ausführungen zu diesem Thema mitprägen. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich als Gruppen-Supervisor für Sozialarbeiterstudenten. Meine Kompetenz hierzu bezog ich aus meiner Sozialarbeiteridentität und meinen beschriebenen tiefgreifenden Erfahrungen in einer mehrjährigen Teamsupervision und einer anschließenden Balintgruppe. Eine abgeschlossene Gruppenanalyse und Fortbildungen hierzu halfen mir ganz erheblich, Gruppenprozesse zu erkennen und sie für die Supervision nutzbar zu machen. Zu dem Zeitpunkt, als ich begann, Erzieherteams zu supervidieren, gründete sich gerade eine neue Gruppe von Kollegen, die wie ich als Teamsupervisoren arbeiteten. Über lange Zeit trafen wir uns wöchentlich drei Stunden, um uns gegenseitig zu supervidieren. Eine schwierige Sache, denn zwölf andere Kollegen gaben kritische Kommentare, stellten bohrende Fragen und versuchten teilweise so, sich selbst als die besseren darzustellen. Wir experimentierten unaufhörlich, die Dynamik unter uns wurde nicht leichter, aber wir suchten und fanden immer wieder neue Wege für uns, ein sinnvolles Setting zu erproben: Wer ein Supervisionsanliegen hatte, wählte sich aus der Gruppe einen Kollegen seines Vertrauens als Supervisor. So standen jetzt schon mal zwei im Mittelpunkt: der Supervisor und der ratsuchende Kollege. Das erleichterte die Sache ein wenig und machte unterschiedliche Arbeitsweisen und Einschätzungen transparenter.
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Grenzüberwindung kollektiven Lernens

Als der Wunsch nach vertiefter fachlicher Reflexion größer wurde, suchten wir uns einen auswärtigen Lehrsupervisor. Dies wurde nötig, da uns die Reflexion unserer eigenen Dynamik allein immer stärker aus den Händen glitt. Im Laufe der Zeit stießen wir in unseren Supervisionen ebenfalls an Grenzen. Die komplizierte Institutionsdynamik fiel uns immer mehr auf und verlangte nach gewissenhafter Analyse. So holten wir uns den außenstehenden Supervisor immer häufiger und trafen uns weiterhin wöchentlich als Peergroup. Dies ging ungefähr zwei Jahre so, bis wir uns gemeinsam entschieden, als Ausbildungsgruppe weiterzumachen. Die Voraussetzungen waren günstig, da der Lehrsupervisor Erfahrungen in dieser Richtung hatte.

So haben wir uns in ziemlich konstanter Besetzung über fünf Jahre entsprechend unseren Bedürfnissen und Möglichkeiten eine selbstbestimmte Ausbildung zum Supervisor geschaffen. Im Nachherein muß ich sagen, daß es nicht leicht war, ohne festes Ausbildungsprogramm alle gruppendynamischen Klippen zu umschiffen, ohne dabei auf Grund zu laufen. Aber gerade dieser Prozeß der Selbstorganisierung ermöglichte einen ganz hautnahen Einblick in institutionelle Prozesse.
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Barfußsupervisoren suchen ihr eigenes Dach

Nach unserer selbstorganisierten Ausbildung haben wir, um der Vereinzelung etwas entgegen zu setzen, die TRIANGEL gegründet. Hier wollten wir zu dritt Supervision anbieten, uns gemeinsam weiterbilden, und unsere Arbeit gegenseitig vorstellen und mal sehen was sich sonst noch so machen läßt. Da wir in den ersten drei Jahren unserer Zusammenarbeit - wir hatten alle nebenbei noch andere Jobs - noch keine eigenen Räume hatten, trafen wir uns regelmäßig bei einem Mitglied unserer noch jungen Institution. Die Anschaffung eines Anrufbeantworters war unsere erste Investition. Dieses damals noch teure Gerät stand im Zimmer unseres Mitstreiters. Seine Anschrift diente uns auch als Geschäftsadresse. Unsere ersten Kunden nannten uns damals liebevoll Barfußsupervisoren. Sie dachten dabei an die mehr oder weniger gut ausgebildeten chinesischen Ärzte, die zu Fuß über die Weiten Chinas zogen, um die Landbevölkerung zu versorgen. Der Vergleich traf ganz gut unsere Situation: 1983 im Jahre unserer Gründung war Supervision noch ein weitgehend unbekannter Begriff.
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Das allgegenwärtige Dreieck

Anläßlich unseres 10-jährigen Bestehens veranstalteten wir eine Fachtagung, die mir Gelegenheit bot unseren Namen in der Tiefe etwas genauer auszuloten. Ich hatte es mir leichter vorgestellt und merkte bei der Beschäftigung mit dem Thema, daß die Zahl "drei" eine kulturell tief verankerte Bedeutung hat. Wenn ich mich erinnere, habe ich zuerst in der Schule im Religionsunterricht von der "Dreieinigkeit" gehört: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Seit ältesten Zeiten kommt der Dreizahl als kleinster Vielheit große Bedeutung zu. Sie begegnet uns immer wieder in Mythologie, Märchen, Recht und Volksbrauch. So wurzelt das Sprichwort 'Aller guten Dinge sind drei' tief in der Überlieferung

.Auch das Institut TRIANGEL wurde von drei Leuten gegründet: von zwei Supervisoren und Gruppenleitern und einer Supervisorin und Gruppenleiterin. Wir waren uns damals sehr wohl bewußt, daß wir den Namen nicht nur gewählt haben, weil wir zu dritt waren. Unsere unterschiedlichen Zugänge zur Psychoanalyse haben den Namen von Anfang an mitgeprägt. Die Kollegin und der Kollege fanden über das Psychodrama zur psychoanalytischen Sichtweise, ich über die Gruppenanalyse. Kennengelernt haben wir uns über die beschriebene langdauernde psychoanalytisch-orientierte Supervisionsausbildung. Von daher war uns bei der Namensgebung - in überraschend wenigen Minuten konnten wir uns auf den Namen einigen - durchaus bewußt, daß wir damit auf Triangulierungen anspielen. Wir haben es in der Folgezeit leider nicht weiter verfolgt. Aber schon früh haben wir durch die regelmäßigen kollegialen Besprechungen unserer Supervisionen erfahren, daß wir immer wieder der Verlockung und Gefahr von Bündnissen unterliegen: Mit unseren Supervisanden gegen die Leitung oder in Identifikation mit den Klienten gegen die ratsuchenden Supervisanden usw. Auf seiten der Supervisanden waren die unbewußten Bündnisse für uns aus der Supervisorenperspektive natürlich leichter zu durchschauen. Es kam immer wieder vor, daß sich beispielsweise Familienhelfer und Heimerzieher mit ihren direkten Klienten, also den Kindern, gegen deren Eltern verbündeten und sie so unbewußt aus dem Entwicklungsprozeß ausschlossen. Natürlich blieb das selten ohne Folgen: Die unsichtbaren Bindungen der Kinder an die Eltern waren zu stark und die Identifikation mit den Helfern brachte sie in unauflösbare Loyalitätskonflikte. Oder die Eltern fühlten sich bedroht und versuchten die Beziehung der Kinder zu den Helfern zu boykottieren. Die Supervision war dann oft der Ort an dem die Mehrdimensionalität der Beziehungen bearbeitet werden konnte, der den Helfern half, sich auf die Dreieicksbeziehungen einzulassen. Wenn das nicht gelang, wenn die eigenen Widerstände und Triangulierungsängste zu groß wurden, führte das oft zum Abbruch der Helfer-Klient-Beziehung, zumindest aber stagnierte die Arbeit und damit die nötige Entwicklung aller Beteiligten.
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Groddek: "Die Drei"

Ich komme wieder auf die Drei zurück. Wenn die Drei in der Mythologie so eine große Rolle gespielt hat, dann natürlich auch in der Psychologie. Georg Groddeck findet einen Zugang dazu, wie es ihm eigen ist. Er erzählt bzw. erinnert eine Begebenheit aus seiner Kindheit mit der Amme Berta. Als sie ihn verlassen muß, schenkt sie ihm zum Abschied einen kupfernen Dreier. Groddeck (1923/1979, S.25) wörtlich: "Und ich weiß genau, daß ich, statt wie sie wollte, Zuckerzeug dafür zu kaufen, mich auf die steinerne Treppe der Küche setzte und das Dreierstück auf den Stufen rieb, damit es glänzte. Seitdem hat mich die Zahl Drei verfolgt. Wörter wie Dreieinigkeit, Dreibund, Dreieck, haben etwas Anrüchiges für mich, und nicht nur die Wörter, auch die Begriffe, die damit verbunden sind, ja ganze Ideenkomplexe, die ein eigensinniges Knabenhirn darum herum gebaut hat. So ist der heilige Geist als Dritter schon in früher Kindheit von mir abgelehnt worden, die Lehre von den Dreieckskonstruktionen ist mir in der Schule eine Plage gewesen und die einst vielgepriesene Dreibundspolitik wurde von mir von vornherein getadelt. Ja, die Drei ist eine Art Schicksalszahl für mich geworden. Wenn ich mein Gefühlsleben rückschauend betrachte, so sehe ich, daß ich, so oft mein Herz sprach, als Dritter in ein bestehendes Neigungsverhältnis zweier Menschen eingedrungen bin, daß ich stets den einen, dem meine Leidenschaft galt, von dem anderen getrennt habe, und daß meine Neigung erkaltete, sobald mir das gelungen war. Ja, ich kann verfolgen, wie ich, um diese schwindende Neigung am Leben zu erhalten, von neuem einen Dritten zugezogen habe, um ihn wieder zu verdrängen. So sind in einer und gewiß keiner unwichtigen Richtung die Affekte des Doppelverhältnisses zu Mutter und Amme und der Kampf des Abschieds ohne Absicht, ja ohne Wissen von mir wiederholt worden; eine nachdenkliche Sache, die zum mindestens zeigt, daß in der Seele eines dreijährigen Kindes seltsam verworrene und doch einheitlich gerichtete Dinge vor sich gehen." Der Leser wird sich vielleicht fragen, warum ich an dieser Stelle so ausführlich Groddeck zitiere. Angesprochen hat mich wohl das "schlüpfrige". Und dazu fällt mir ein, daß zur selben Zeit als wir uns den Namen gaben in Berlin ein recht bekanntes Pornolokal den selben Namen trug. Wir hatten das bei der Namensfindung ganz vergessen, wurden aber sehr bald darauf gestoßen als des Nachts öfter Anrufe bei uns ankamen, die dachten wir wären der Puff gleichen Namens. Die Groddeck-Geschichte leitet auch das Buch "Dreiecksgeschichten" des Familientherapeuten Michael Buchholz ein.
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Dreiecksgeschichten nehmen irgendwo ihren Anfang

"Ein Mann und eine Frau haben oder machen ein Kind und selbst wenn dies der einzige Moment sein sollte, in dem sie zu dritt sind, fängt es doch immer dort an - auch und dann, wenn der Gedanke ans Kind nie ausgesprochen war, es gibt ihn, den Gedanken, in der Phantasie, auch wenn man ihn verhüten muß." So beschreibt es Buchholz (1993). Die Chance dieser Dreieckssichtweise besteht darin, der Wirklichkeit etwas näher zu kommen. Die Sichtweise reduziert gleichzeitig Komplexität, erhöht sie aber ebenso, denn durch die Sicht aus allen drei Punkten auf das Geschehen haben wir die Chance wenigstens einen Zipfel der Wirklichkeit zu erwischen. In diesem Sinne entspricht die Dreidimensionalität der sogenannten systemischen Perspektive. Doch bevor ich weitergehe möchte ich kurz auf Freud zu sprechen kommen, da die Perspektive, die ich vertiefen möchte eine psychoanalytische ist: Ohne Freud hier auszuführen, spielte auch für ihn die Drei eine herausragene Rolle. An drei (!) Beispielen läßt sich das zeigen: - da ist zuerst sein topisches Modell zu nennen. Er führte es 1923 in seiner Arbeit "Das Ich und das Es" aus. Danach ist die menschliche Psyche in der Lage einen seelischen Vorgang in bewußt, vorbewußt und unbewußt zu unterscheiden. Er nannte es topisches Modell, weil topos der Ort bedeutet und der Ort des Unbewußten ist das Es und der des Bewußten und Vorbewußten das Ich. Diese Zuordnung ließ sich nicht aufrechterhalten. Die Erforschung der Krankheitsdynamik von Depressionen veranlaßte ihn schließlich dazu den Begriff des Über-Ich einzuführen, da nur in der Depression Ich und Über-Ich als voneinander getrennt erscheinen. Schließlich konnte Freud die ökönomische Struktur von Ich und Es nicht aufrechterhalten, da das Ich auch unbewußte Anteile aufwies. Dies führte zu seinem Konzept des sogenannten Strukturmodells. Danach besteht die Psyche hypothetisch gesehen als dynamische Struktur aus den drei Instanzen: Es, Ich und Über-Ich. Das dritte Beispiel ist wohl das grundlegendste: nämlich der Ödipuskomplex. Bekanntlich wurde er zu einer Glaubensfrage in der psychoanalytischen Bewegung. Freud kam durch seine Selbstanalyse darauf wie stark er die Liebe zu seiner Mutter empfand und wie groß die Eifersucht auf den Vater war. Seine Empfindungen kleidete er alsbald in die Ödipussage und behauptete die Allgemeingültigkeit des Ödipus als er schrieb: "Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen". (Freud 1905, S.127) (Das Zitat findet sich im einem Band, in dem ebenfalls die Zahl Drei vorkommt: nämlich in den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"). Der Ödipuskomplex besagt kurz gesagt folgendes: Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr entfaltet der Ödipuskomplex seine größte Dynamik: Das Kind hegt Todeswünsche gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Rivalen und begehrt die Person des entgegengesetzten Geschlechts sexuell.
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Supervision im Dreieck

Interessant - gerade auch für unsere supervisorische Arbeit - ist das entstehende "trianguläre Übertragungsmuster", wenn zerstrittene Teams zum Supervisor kommen. Die zerstrittenen oder in der Beziehung hilflosen Supervisanden suchen einen Dritten, eben den Supervisor, der ihnen hilft die Beziehung zu verbessern. Bauriedl meint, daß hier das "trianguläre Beziehungsmuster" greift, da der Entschluß des Supervisors zu seinen Beruf ebenfalls von diesem Motiv getragen ist. "In gewisser Weise erwarteten auch seine Eltern von ihm, daß er ihre Beziehungen festigen und/oder auch trennen würde. Soweit die Beziehung seiner Eltern unbefriedigend war, entwickelte sich seine Identität als besserer Partner für beide Eltern."(ebenda)

Diese Dynamik ist Ausdruck einer frühen Ambivalenzspaltung, die wir in unserer Kindheit alle mehr oder weniger in Beziehung zu unseren Eltern bzw. Elternteilen erlebt haben und die die Basis unserer späteren Orientierung geworden ist. Bauriedl erklärt die Ambivalenz aus dem dialektischen Zusammenspiel von Wünschen und Ängsten, sowohl innerhalb einer Person als auch innerhalb des Systems Familie. Gefühle oder Wünsche, die stark angstmachend sind, werden abgespalten oder beim Partner bekämpft. Meist geht das mit Schuldzuweisungen einher: Wenn Du anders wärst, dann könnte auch ich anders sein! Entsprechend der intrapsychisch gespaltenen Ambivalenz sendet jeder Doppelbotschaften aus nach dem Motto: Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht naß. Wenn ein Partner der double-bind-Forderung nachkommt, wird er abgewiesen, wenn er selbst abweisend ist, wird er aufgefordert zu kommen. Dadurch halten beide Partner einen Sicherheitsabstand ein. Bauriedl (1994, S.96) bringt dazu das Bild von einer stabilen Stange. "Die Stange hält sie zusammen und auseinander."

Das ist die Grundlage dafür, daß die besagte 'trianguläre Beziehung' zwischen Supervisor und ratsuchenden Supervisanden sich entfalten kann. Wie gesagt, wir finden sie nicht nur in Familien- oder Paartherapien wieder, sondern ganz regelmäßig in institutionellen Supervisionen. Gerade hier gibt es immer zerstrittene Parteien oder Subsysteme, die im Supervisor einen Bündnispartner für sich und gegen andere suchen. Ich werde darauf im letzten Abschnitt, wenn es um die Institutionen geht, noch mal eingehen. Trotzdem läßt sich an dieser Stelle schon verallgemeinernd sagen, daß jeder Berater - egal ob Therapeut, Organisationsberater oder Supervisor - aufgrund seiner eigenen biographischen Dreieckserfahrung ständig mehr oder weniger prädestiniert ist, die "Abwehrstruktur des in 'Zweiecke' zerfallenden Dreiecks mitzuagieren" (Bauriedl 1994, S.226). Praktisch heißt das, daß er sich einer Partei einfühlend unterstützend zuwendet, weil er die Hilfebotschaften des Gebrauchtwerdens kennt. Dabei geht ihm aber die andere Seite der Medaille verloren: Nämlich die Ausstoßung aus der Beziehung, weil man als nicht hilfreich und wertlos erlebt werden muß, um die intrapsychische Ambivalenz nicht zu gefährden.
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Grenzen der Ödipustheorie

An der Frage des Ödipuskomplexes kann man sich die Zähne ausbeißen wie die umfangreiche und widersprüchliche Literatur zum Thema zeigt. Ich selbst habe in meiner Arbeit "Angst in Gruppen und Institutionen" (1994) versucht nachzuweisen, daß Freuds Ödipustheorie aus phylogenetischer Sicht nicht haltbar ist. Und zwar in erster Linie deshalb, weil Freud seine als universell angesehene Ödipustheorie zu dem Zeitpunkt der kulturellen Evolution ansiedelt an dem sich bereits die große soziale Umwälzung vollzogen hatte. Verkürzt gesagt meine ich damit, daß wir davon ausgehen müssen, daß wir als Menschen stammesgeschichtlich gesehen erst dadurch lebens- und überlebensfähig waren, daß wir gruppenbezogene Fähigkeiten entwickeln konnten. So zeichnete sich unser psychischer Apparat - welch scheußliches Wort - jahrtausendelang durch ein Clan-Ich oder Clan-Gewissen aus. D.h. es gab im wesentlichen eine gruppenbezogene Orientierung oder Steuerung. Erst in der letzten Phase der kulturellen Evolution, der Seßhaftwerdung, einhergehend mit der Möglichkeit Besitz und Macht anzuhäufen, zu erhalten und zu vererben, differenzierten sich auch die Gemeinschaftsstrukturen zunehmend. In deren Folge mußte sich auch der psychische Apparat differenzieren. Dies können wir als die Geburtsstunde des individuellen Ich mit einem steuernden und orientierenden Über-Ich ansehen. Das Über-Ich mußte zudem ein strenges sein, da es dem Ich die nötige Potenz verleihen muß, sich abzugrenzen, denn ein verläßlicher gesellschaftlicher Konsens, auf den man sich identifikatorisch beziehen kann gibt es nicht. Erst in der Bande der familiaren Enge konnte sich m.E. das herausstellen, was wir heute als gesellschaftliches Problem sehen müssen: die Möglichkeit der Ersatzpartnerschaften. So läßt sich die Frage, ob es einen universellen Ödipuskomplex gibt, 1972 von Reimut Reiche im Kursbuch gestellt, beantworten. Es gibt ihn in sozial differenzierten Gesellschaften und somit auch bei uns.
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